Riss (Substantiv, männlich)
1) Trennungsspalt, der durch das Zerreißen eines materiellen Gegenstandes entsteht
2) schmerzende Trennung im psychischen Bereich
3) eine Verletzung, bei der ein Gewebe gewaltsam zerreißt
4) die zeichnerische Planung oder Erfassung eines dreidimensionalen Gegenstandes oder eines Gebäudes auf einer horizontalen oder vertikalen Bildebene
5) eine natürliche Furche oder ein (Gelände-)Einschnitt
6) die durch Raubtiere erlegte Beute
Ein Riss ist eine schmale, längliche Öffnung. Reißende Gewebestrukturen haben unklare Abrisskanten. Die Heilungschancen eines Risses sind besser als die eines Schnitts, weil sie sich entlang der natürlichen Gewebslinien ausbreiten. An den Wundrändern entsteht weniger Spannung und die Durchblutung ist verbessert, da keine Quetschungen entstehen wie bei tiefen, glatten Schnittkanten. Dies erleichtert das Aneinanderwachsen des Gewebes und reduziert Komplikationen.
Während eines Abrisses wird Wassernebel auf die Abrissstelle gesprüht, damit sich der feine Staub nicht über eine weite Fläche verbreitet. Meist werden Gebäude abgerissen, um auf der frei gewordenen Fläche ein neues Bauwerk zu errichten. Statt des Wortes „Abriss“ wird der Euphemismus „Rückbau“ verwendet, da er weniger brutal klingt.
Dein Rückbau folgte der Chronologie seiner Schnittmuster. Ich habe das, was übrigblieb, in den Spuren eingelagert. Die Hohlräume füllen sich mit dem angespülten Sediment, das sich durch die Schwerkraft sammelt. Die Temperaturen und die Luftfeuchtigkeit sind für die Lagerung geeignet, sagt meine Oma.
Wir fallen
oder schweben
wohin der Wind uns trägt.
Kerben verändern den Verlauf der im Inneren von Körpern wirkenden Kräfte und verringern so ihre Festigkeit verglichen mit ungekerbten Bauteilen. Die Kerbwirkung beschreibt Kräfte an unerwünschten Schwachstellen oder auch Sollbruchstellen.
Diskontinuitäten können die Integrität der Person bedrohen. Wenn Verzeihen der Abschied von einer Erwartung ist, dann möchte ich dir ewig winken. Alles ist Handeln inmitten von Brüchen. Mein Anfang ist auch mein Ende. Rituale des Alltags verlieren sich im Neuen. Die Atemwende leitet den Rhythmus – sie öffnet, schließt, öffnet. Ich bin dort, wo Einsamkeiten einander schützen, grenzen und grüßen.
Ich werde ärmer, wenn ich loslasse. Ich muß ein Stück von mir selbst loslassen, preisgeben. (1)
Eine Wunde (althochdeutsch wunte ‚Wunde‘, ‚Schlag‘, ‚Verletzung‘, lat. vulnus von indogerm. ‚leiden‘; griech. Trauma) ist ein Defekt des schützenden Deckgewebes mit oder ohne Gewebsverlust. Dabei wird der Gewebszusammenhang durchtrennt. Zumeist wird sie durch äußere Gewalt verursacht.
Deine Aufforderung, der freiwilligen, direkten Zerstörung oder Veränderung des eigenen Körpergewebes beizuwohnen, war meine erste Warnung. Dieses Verhalten führt meist zu kleinen oder moderaten Schädigungen und der eigene Körper wird nicht als dem Selbst zugehörig erlebt. Die wahrscheinlich häufigste innere Verletzung, die Einblutung in inneres Gewebe ohne gleichzeitige Durchtrennung der Körperoberfläche, wird nicht zu den Wunden gezählt.
Ich lasse den Schlüssel in der Tür stecken, weil ich später noch hinauswill. Dann, wenn du mich nicht mehr sehen kannst und die Belagerung beendet ist, laufe ich hinaus und hoffe, dass du mich nicht dabei beobachtest.
Believing.
Believing.
I should be leaving.
(2)
Die Wundheilung beginnt mit einer Ruhephase. Die biologisch bedingte Heilung läuft in der Frühphase unter völliger Ruhe ungestörter ab. Primär heilende Wunden kommen nur bei sauberen Wunden vor, deren Ränder nicht klaffen. Ihre Narbe ist strichförmig und kaum sichtbar. Bei der sekundären Wundheilung beginnt die Abheilung in der Tiefe. Zunächst entsteht granuliertes (gekörntes) Gewebe, das den Defekt auffüllt und stark von kleinen Blutgefäßen durchzogen ist. Im Heilungsverlauf bildet sich faserreiches und zugleich zell- und gefäßarmes Bindegewebe. Überschießendes Granulationsgewebe in Hautwunden wird als wildes Fleisch bezeichnet.
S’aider pour ne pas ceder.
Auf die Ruhephase folgt die Reinigungs-, oder Entzündungsphase, in der die Wunde von Blut, Keimen und Zelltrümmern gesäubert wird. Die entstehenden Gerinnsel bilden ein Netz, das aneinanderliegende Wundränder verklebt. Im Verlauf dieser Phase nimmt die Zellteilung im Wundgebiet zu. Fresszellen räumen Zelltrümmer aus und Fibroplasten, die sich aus eingewanderten, aber auch aus im Wundrand ortsständigen Bindegewebszellen entwickeln und durch Zellteilung vermehren, vollbringen in der folgenden Phase die eigentliche Aufbauarbeit. Für die Wundheilung ist ein feuchtes Milieu notwendig.
Je me tiens au bord du lac des larmes.
Auch Flüssigkeiten haben Grenzflächen, die im Kontakt mit einem Stoff entstehen, der mit der Flüssigkeit nicht mischbar ist. Der Kapillareffekt kann die Grenzfläche einer Flüssigkeit ohne externe Kräfte bewegen. Wenn eine sonst trockenliegende Fläche vollständig von Wasser bedeckt wird, bezeichnet man dies als Überschwemmung. Dieser Zustand zählt zu den Naturkatastrophen.
Wellen reisen über lange Zeit
am Grund des Meeres.
Sie brechen
erst,
wenn sie auf Land treffen,
aufatmend
im Rückzug ins große Meer.
Da wartet ein Frühling
will sich schmücken im Gewand
ein erstes Zwitschern im Geäst
Loslassen der Sonne
und der Atem
eines neuen Tages.
Der Wind als Lichtspiel
zwischen den Blättern,
er kommt mit Kraft
und sinkt langsam ein
in unsere offenen Strukturen,
die ihre Arme schließen.
Aufwachend
windet sich die Wiederkehr
für ihren Aufbruch.
Sie bricht und verbirgt sich,
kündet.
Eine Träne ist eine tropfenförmige Ansammlung von Tränenflüssigkeit, die sonst als dünne Flüssigkeitsschicht unsere Hornhaut bedeckt. Sie schützt das Auge vor Infektionen und Schmerzen, die bei Trockenheit entstehen würden. Das sichtbare Auftreten von Tränen entsteht durch eine Überschreitung der Speicherkapazität der Tränenwege. Die Flüssigkeit tritt aus. Tränen spülen Fremdkörper und Schadstoffe aus dem Auge heraus, sie enthalten antibakterielle Enzyme, die Erreger bekämpfen und sie sind notwendig für den Stoffwechsel der Hornhaut. Der Tränenfilm schafft eine glatte optische Oberfläche, die eine klare Sicht ermöglicht.
Tränen loswerden
Tränenlos werden
In der Regenerationsphase wird die Wunde an der Oberfläche durch ein Deckgewebe geschlossen. Der Durchmesser schließt sich zu einem Drittel ausschließlich durch Schrumpfung, zu zwei Dritteln durch Neubildung vom Wundrand her zur Wundmitte. Die Regenerationsphase dauert etwa ab dem dreizehnten Tag bis zu mehreren Wochen. Das entstandene Gewebe kann die Ursprungsfunktionen nicht erfüllen und es hinterbleiben sichtbare Narben. Dem Narbengewebe fehlt es an Elastizität. Narben sind Defektheilungen. Eine Wundheilungsbeschleunigung gibt es nicht.
Ich hüte das Feuer. Ich würde Nestbau betreiben, sagst du. Ich ziehe den eben gesammelten Halm aus meinem Schnabel und lege ihn zu den anderen.
Die Maturation („Reifung“) wird als zusätzliche funktionelle Anpassung des Narbengewebes an die örtlich verschiedenen Anforderungen beschrieben. Die weitere Zunahme der Reißfestigkeit des Narbengewebes hängt von der Vernetzung, Verfestigung und Ausrichtung der Fasern ab. Der Wassergehalt des Gewebes verringert sich, die anfänglich das Hautniveau gering überstehende Narbe schrumpft regelhaft unter Hautniveau. Auch nimmt der Gefäßreichtum des Narbengewebes ab. Die ursprünglich frisch rote Narbe wird weiß. Dieser Prozess dauert ein bis zwei Jahre. Schmerz geschieht und es liegt alles darin.
Die Sphäre der Faszination, in der das Gesehene die Sicht ergreift und sie unbeendbar macht, wo der Blick zu Licht erstarrt, wo das Licht das schimmernde Absolute eines Auges ist, das man nicht sieht, das man jedoch zu sehen nicht aufhört, weil es der eigene Blick im Spiegel ist, diese Sphäre ist anziehend und faszinierend par excellence: ein Licht das zugleich Abgrund ist, ein Licht, in dem man zugrunde geht erschreckend und anziehend. (3)
Wir sind Unterbrochene. Eine Dehnungsfuge kann Spannungsrissen vorbeugen, indem die hieraus entstehenden Kräfte ebenso vermieden werden wie unkontrollierte Risse innerhalb des Materials oder an Anschlussstellen. Ein Spalt zwischen zwei Bauteilen kann als Lichtstreifen gestalterisch in Erscheinung treten. Er bemisst den Abstand und formt die Kontur. Immer haben wir an diesem Tor Wache gehalten – zusammen mit dem, was festlich gekleidet heraustritt aus dem großen Dunkel. Wir geben den Lichtpunkten unseres Zwischenraums ihr Gewand zurück.
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(1) Grün, Anselm: Der Anspruch des Schweigens. Vier-Türme-Verlag, Münsterschwarzach 1984, S. 39
(2) Tempest, Kae: Hold Your Own. Gedichte. Englisch und deutsch, Suhrkamp, Berlin 2016, S. 30.
(3) Blanchot, Maurice: Die wesentliche Einsamkeit. Aus dem Französischen von Gerd Henniger. Karl Henssel Verlag, Berlin 1959, S. 30.
Literatur:
Arendt, Hannah: Vita activa oder Vom tätigen Leben. Piper, München 2021.
Arnim, Gabriele von: Der Trost der Schönheit. Eine Suche. Rowohlt, Hamburg 2023.
Barthes, Roland: Fragmente einer Sprache der Liebe. Aus dem Französischen von Hans-Horst Henschen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1984. [Erweiterte Neuausgabe: Suhrkamp, Berlin 2015.]
Blanchot, Maurice: Die wesentliche Einsamkeit. Aus dem Französischen von Gerd Henniger. Karl Henssel Verlag, Berlin 1959.
Blanchot, Maurice: Warten Vergessen. Aus dem Französischen von Johannes Hübner. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1964. [Bibliothek Suhrkamp Bd. 139; Neuausgabe: Suhrkamp, Berlin 2019.]
Emcke, Carolin: Wie wir begehren. S. Fischer, Frankfurt am Main 2012.
Erwig, Andrea / Ungelenk, Johannes (Hg.): Berühren Denken. Kulturverlag Kadmos, Berlin 2021.
Foucault, Michel: Sexualität und Wahrheit. Bd. 3: Die Sorge um sich (Le souci de soi, Paris 1984), Suhrkamp, Frankfurt am Main 1986.
Grün, Anselm: Der Anspruch des Schweigens. Vier-Türme-Verlag, Münsterschwarzach 1984.
Hüffer, Wilm: Hingabe. Warum wir uns auf die Welt einlassen. Reclam, Ditzingen 2025.
Kurt, Şeyda: Radikale Zärtlichkeit. Warum Liebe politisch ist. HarperCollins Germany, Berlin 2021.
Lévinas, Emmanuel: Die Spur des Anderen. Untersuchungen zur Phänomenologie und Sozialphilosophie. Übersetzt, herausgegeben und eingeleitet von Wolfgang Nikolaus Krewani. Verlag Karl Alber, Freiburg i. Br./München 1983.
Maio, Giovanni: Ethik der Verletzlichkeit. Herder, Freiburg i. Br. 2024.
Nancy, Jean-Luc: Corpus. Aus dem Französischen von Nils Hodyas und Timo Obergöker. Diaphanes, Berlin 2002. [Neuausgabe: diaphanes, Zürich 2024.]
Ohashi, Ryōsuke: Kire – Das »Schöne« in Japan. Philosophisch-ästhetische Reflexionen zu Geschichte und Moderne. DuMont, Köln 1994. [2., überarb. Aufl.: Wilhelm Fink, Paderborn 2014.]
Ohashi, Ryōsuke: Phänomenologie der Compassion. Pathos des Mitseins mit den Anderen. Verlag Karl Alber, Freiburg i. Br./München 2018.
Paz, Octavio: Das Vorrecht des Auges. Über Kunst und Künstler (Los privilegios de la vista). Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001. [Darin: „Chillida – Vom Eisen zum Licht“, S. 107–130.]
Rilke, Rainer Maria: Briefe an einen jungen Dichter. Hg. von Franz Xaver Kappus. Insel Verlag, Frankfurt am Main/Leipzig 2006.
Rilke, Rainer Maria: Briefe. Band I: 1897–1914. Herausgegeben vom Rilke-Archiv in Verbindung mit Ruth Sieber-Rilke und Karl Sieber. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1950, S. 164–166.
Schmidt, Ina: Über die Vergänglichkeit. Eine Philosophie des Abschieds. Edition Körber, Hamburg 2019.
Tempest, Kae: Hold Your Own. Gedichte. Englisch und deutsch, Suhrkamp, Berlin 2016.
